3 Fragen an

Susanne Boll-Westermann

Professorin für Medieninformatik und Multimedia-Systeme an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Leiterin der Arbeitsgruppe Geschäftsmodellinnovationen der Plattform Lernende Systeme

3 Fragen an Susanne-Boll-Westermann

KI für KMU: Gemeinsam mit Partnern starten

Digitalisierung ist kein Selbstzweck für Mittelständler, sondern eine Voraussetzung, um in einer zunehmend vernetzten Wirtschaft erfolgreich zu agieren. Durch KI-Methoden können KMU ihre Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette intelligent gestalten und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Noch mangelt es vielen mittelständischen Unternehmen an klaren Vorstellungen, wie sie das Zukunftsthema Künstliche Intelligenz für sich angehen sollen. Welche Fragen sie sich stellen sollten und warum die Vernetzung mit anderen Akteuren so wichtig ist, erläutert Susanne Boll-Westermann. Sie ist Professorin für Medieninformatik und Multimedia-Systeme an der Carl von Ossietzky Universität und Leiterin der Arbeitsgruppe „Geschäftsmodellinnovationen“ der Plattform Lernende Systeme.

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Welchen Mehrwert verspricht KI für den Mittelstand?

Susanne Boll-Westermann: Wichtig ist für kleine mittelständische Unternehmen zunächst, sich generell mit dem Thema Digitalisierung – zu dem KI heutzutage ja gehört – zu beschäftigen. Nach unserer Beobachtung ist das noch nicht ausreichend der Fall. KMU müssen verstehen, welche Produkte sie beispielsweise durch KI-Methoden verbessen können: Wo können etwa maschinelle Lernverfahren eine Vorhersage treffen, wie sich die Logistik besser gestalten lässt? Wo können sie dazu beitragen, Produktionsprozesse effektiver zu gestalten? Oder aber: Wo lassen sich mithilfe von KI ganz neue – digitale – Produkte entwickeln?

Um das herauszufinden, sollten sich KMU mit dem Thema auseinandersetzen und nicht vor dem Mythos verharren: KI ist nur etwas für große Unternehmen. Oder für Unternehmen, die viele Daten haben. Gefragt ist ein systematisches Vorgehen. Wenn ein KMU beispielsweise noch gar nicht mit Digitalisierung und KI in Kontakt gekommen ist, sollte es sich in seiner Region Partner suchen und sich mit Best Practice-Unternehmen austauschen um zu sehen, wo Digitalisierung und KI hinführen können. Industrie- und Handelskammern sowie spezialisierte Transferzentren bieten in der Regel Veranstaltungen und Informationsangebote zu Digitalisierung und KI.

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Was sollten KMU bei der Einführung von KI beachten?

Susanne Boll-Westermann: Zunächst einmal müssen sich die Unternehmen wirklich Zeit und Ressourcen freischaufeln, um zu klären, was Digitalisierung und KI im Unternehmen bewirken können. Denn dies erfordert ein gewisses technologisches Verständnis, für das es entsprechende Kompetenzen braucht. Möglicherweise empfiehlt es sich, für diesen Prozess strategische Berater ins Boot zu holen. Zudem müssen KMU überlegen, welche technische Kompetenzen sie im eigenen Haus aufbauen wollen. Das bedeutet nicht allein, Informatikerinnen und Informatiker einzustellen. Ich muss auch einem Führungs- oder Entwicklungsteam den Freiraum lassen, sich mit den Chancen von KI für das Unternehmen zu beschäftigen. Einige Fachleute empfehlen, dem für die Digitalisierung verantwortlichen Team einen Tag pro Woche einzuräumen, um neue Ideen zu entwickeln – für die Verbesserung von Produkten und Wartungsprozessen oder die Entwicklung neuer Produktideen. Denn all das braucht Raum.

Im nächsten Schritt muss ein KMU dann analysieren, mit welchen Partnerschaften und Kompetenzen es Ideen umsetzen kann. Habe ich die Rechenplattform dafür? Ist mein eigenes Rechenzentrum dazu in der Lage? Brauche ich starke Partner, möglicherweise aus meiner Region? Muss ich mit anderen – vielleicht ähnlichen Unternehmen – Allianzen eingehen, weil wir zusammen etwas leisten können, was sich vielleicht nur im Zusammenspiel am Markt bewährt? Wie sieht mein Prototyp aus? Wer sind meine ersten Kunden? All das muss sich Stück für Stück entwickeln. Oft spricht man hier von agiler oder auch iterativer Entwicklung: immer die nächsten ein, zwei Schritte vorausdenken und dann zusehen, dass ich das auch längerfristig an den Markt bringen kann.

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Müssen sich KMU dabei zu Tech-Unternehmen wandeln?

Susanne Boll-Westermann: Zumindest nicht am Anfang. Sie müssen sich aber tiefgehend mit Technologie beschäftigen und Entscheidungen treffen: Welche Technologien wollen sie einkaufen, welche können Dienstleister bereitstellen? Welche strategischen Partner bieten sich an? Wenn ein Mittelständler sein Geschäft langfristig über Technologie treiben lassen will, muss er diese technologische Kompetenz auch im Unternehmen aufbauen. Das kann aber Schritt für Schritt passieren. Wichtig ist, dass die Unternehmensführung einen guten Sinn und ein gutes Verständnis für Technologie hat. Gerade bei KMU beobachten wir, dass ein hohes Maß an Digitalisierung stark gepaart ist mit Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern, die selbst eine Leidenschaft für das Thema entwickelt haben. Wenn KMU im Laufe der Zeit eine starke Technologiekompetenz aufbauen und KI die eigenen Projekte treibt, werden sie sich natürlich auch in Richtung eines Technologieunternehmens wandeln – aber sicherlich keine Tech-Company werden.

Das Interview ist für eine redaktionelle Verwendung freigegeben (bei Nennung der Quelle © Plattform Lernende Systeme).

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